„Lebendiges Archiv, beseelter Bücherschatz, wie mancher Wissenschaft giebt deine Grösse Platz! Erfahrung, tiefer Grund in Rechten und Geschichten weiß auf das Heil der Stadt den Vorfall abzurichten. Verschwiegenheit, Bedacht, Erfindung, Witz und Rath beweisen, daß dein Geist was unerschöpflichs hat.“
So steht es an der hochaufragenden Fassade des Staatsarchivs in Hamburg-Wandsbek geschrieben, ein Zitat aus einem Lob- und Preisgedicht auf den ersten wissenschaftlichen Archivar Hamburgs Nicolaus Stampeel aus dem Jahre 1710.
Das heutige Selbstverständnis des Staatsarchivs kommt etwas nüchterner daher. Dort heißt es unter anderem:

Wir sind Hamburgs Gedächtnis.
Wir ermöglichen eine kritische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart.
Wir sind für alle offen.

Viele Fragen, Vermutungen und zu belegende Annahmen zum historischen Hintergrund und Kontext des Hochbunkers in der Schomburgstraße in Altona haben mich hierher geführt und nicht zuletzt die Hoffnung auf Antworten.
Es ist Anfang Dezember. Im kühlen Foyer steht ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum mit elektrischen Kerzen.
Eine Münze für den Spind.
Ein Kaffeeautomat.
Grau melierte Auslegware.

Die bestellten Archivalien liegen im Lesesaal bereit.
Ab hier nur noch Bleistifte und Flüstern.
Ich beginne mit Unterlagen von 1957 bis zum Jahr 2004, die direkt dem Bunker des Vereins zugeordnet sind. Thematischer Schwerpunkt ist der Umbau zum ABC-Schutz-Bunker im Rahmen eines Bundesprogramms.
136-1_5813 Band 1 Hochbunker Schomburgstr. 6-8, 1957-2004
136-1_5814 Band 2 1958-1969 Materialband: Grundrisse, Ansichten, Auszug aus der Flurkarte, Kostenanschlag für Instandsetzung
Es sind vielversprechende Titel, die einige Antworten liefern und gleichzeitig viele Lücken lassen. Die Papiere sind chronologisch abgeheftet, ein Inhaltsverzeichnis gibt es nicht. Blatt für Blatt will die Sammlung durchgesehen werden, eingescannt, eingeordnet und benannt. Arbeit für mehrere Stunden.
Es geht sehr behördlich zu: viele Stempel, handschriftliche Anmerkungen, Wiedervorlagedaten, von Bundesebene zu Landesebene und retour, Bitte um Fristverlängerung, erneute Wiedervorlage…  erste Namen beginnen vertrauter zu klingen.

Der lange kleinteilige Weg zum Umbau des Hochbunkers ab 1971 beginnt Ende der 1950er Jahre. Gelder für Baugutachten werden beantragt, Eigentumsfragen und Grundstücksgrenzen müssen geklärt werden, Vermietungen von Lagerräumen gekündigt.
Aus den detaillierten Entwurfs- und Bauplänen von 1969  und der dazugehörigen 181-seitigen Kostenkalkulation lässt sich vieles über den Ursprungszustand von 1943 ablesen. Aus Annahmen werden Gewissheiten.
Die Eingangsbereiche hatten keine Vorbauten wie heute, es gab wie vermutet große Tordurchfahrten zum Hinterhof wie bei anderen Bunkern auch und noch einiges mehr.
Auch für den Hang, der sich rückseitig bis zur dritten Etage an den Bunker schmiegt findet sich eine Erklärung: eine Rodelbahn vom Gartenbauamt Altona entworfen, um dem Gebäude den Schrecken zu nehmen.

Nach einiger Zeit lese ich Luftschloss wo Luftschutz geschrieben steht. Aufstehen, strecken, die Augen sich einen Moment ausruhen lassen. Der Lesesaal liegt im Parterre. Ein langer Fensterstreifen weist auf eine kleine Nebenstraße. Gegenüber liegt der alte jüdische Friedhof Wandsbek. Es dringt kein Geräusch herein. Das Außen ist abgeschnitten. Still ist es hier. So still wie im Bunker.

Zwischen den Aktendeckeln aus den 1940er Jahren tut sich eine andere Welt auf. Die Qualität des Papiers variiert stark, teils holzig und brüchig, leicht vergilbt bis hellbraun, teils dünnes Durchschlagpapier.
Die Mappen tragen Titel wie:
Anordnungen des Reichsluftfahrtministeriums über den Bau von Luftschutzanlagen 1940-41 Bestimmungen über den Bau von Luftschutzbunkern und Splitterschutz
Bereitstellung und Einsatz von Arbeitern und Kriegsgefangenen, 1941-43
Mitteilungsblätter des Amtes für Kriegswichtigen Einsatz über den Bau von Luftschutzanlagen.
Mit diesen Unterlagen weitet sich der bisher auf den Bunker in der Schomburgstraße verengte Blick.

Der Ton changiert zwischen bürokratisch-nüchtern und hemdsärmlig-schnarrig. Man will vorankommen, duldet keine Trödelei beim Bunkerbau, die Qualitätskontrolle des Betons stets im Blick. Das Amt für Kriegswichtigen Einsatz, kurz AKE, ist eine mächtige Behörde.
Stein, Holz, Kies, Sand, Arbeitskraft -alles wird gleichermaßen als Material verwaltet. Vor mir liegen zentimeterdicke Stapel Tabellen, eine Art frühes Excel in Papierform.Die Protagonisten sind: Konstanty Gutschow der Architekt für die Neugestaltung Hamburgs zur Führerstadt, sein
Büroleiter und später auch Chef des AKE Rudolf Hillebrecht, Herr Schlockermann,
Senator Schluckebier und Baudirektor Schmidt.

Der Lesesaal ist ein Ort stiller Konzentration. An jedem Tisch ist ein anderes Thema im Fokus. Man ist höflich miteinander und hält Distanz. Rücksichtnahme ist das oberste Gebot.
Ich schließe die Augen und höre genau hin: Teppichgedämpfte Schritte, Rascheln, ein Räuspern, verhaltenes Hüsteln, Fingerkuppen auf Tastaturen Ritsche-Ratsche-Surr vom Mikrofilmlesegerät nebenan, ein tiefes Seufzen.
Zehn Minuten vor Schluss ertönt ein Gong. Akten werden zusammengeschnürt und auf Rollwägen gelegt. Zum Abschied  ein gewispertes „Auf Wiedersehen“.

Schließlich hole ich meinen Mantel aus dem Spind. Es ist die Nummer acht. Über Wochen habe ich stets die Nummer acht gewählt. Diese kleine Wunderlichkeit gehört nun also auch zu mir. Ich ziehe die Mütze über die Ohren und gehe in den kalten Winterabend hinaus.
Bis zum nächsten Mal.

 

Auf einigen Fotos in diesem Beitrag sind Archivgüter aus dem Staatsarchiv Hamburg abgebildet:

Staatsarchiv Hamburg, 136-1_5813: Band 1: Hochbunker Schomburgstr. 6-8, 1957-2004
Staatsarchiv Hamburg, 322-3_B22: Bereitstellung und Einsatz von Arbeitern und Kriegsgefangenen 1941-43
322-3_B45: Bestimmungen über den Bau von Luftschutzbunkern und Splittterschutz 1941-42

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